Die Süddeutsche Zeitung machte im November eine Stichprobe, bei welchen Banken lange gearbeitet wird. Sie zählte an den Außenfassaden der Banktürme in Frankfurt/Main zwischen 19 und 19.30 Uhr die Zahl Bürofenster, in denen noch Licht brannte. Wenn ein Mitarbeiter um 19 Uhr am Schreibtisch sitzt, kann das zweierlei bedeuten: Es handelt sich um einen besonders fleißigen Mitarbeiter, bei dem das Geschäft gerade boomt, so dass er Überstunden machen muss. Genauso gut kann es sich aber um einen besonders faulen Mitarbeiter mit einem miserablen Zeitmanagement handeln, der den ganzen Tag getrödelt hat und das bisschen Arbeit, das er hat, eben dann erledigen muss, wenn andere schon im Feierabend sind.
Die Zahl der Fenster, in denen spät noch Licht brennt, erlaubt also keine Rückschlüsse darauf, wie fleißig oder faul die Mitarbeiter sind, ob das Geschäft boomt oder ob es stagniert. Hinzu kommt ja noch, dass reges Treiben zu später Stunde auch etwas ganz anderes heißen kann: Die Luft brennt! Krisensitzungen werden meist nachts abgehalten, man kennt das aus Berlin und Brüssel oder von Tarifverhandlungen.
Trotzdem lohnt es sich, die Ergebnisse der Stichprobe näher zu betrachten, zumal es bei den Banken eklatante Unterschiede gibt. Bei der Deutschen Bank, westlicher Turm, Südseite, waren gegen 19 Uhr noch 198 von insgesamt 420 Fenstern hell erleuchtet, was einer Quote von 47 Prozent entspricht. Bemerkenswert war, dass in den obersten beiden von 30 Stockwerken gar kein Licht mehr brannte, aber das muss nichts heißen; man weiß von Bankchef Josef Ackermann, dass er viel unterwegs ist.
Fast genauso groß war die Quote mit 49 Prozent bei der Schweizer Großbank UBS, östlicher Turm, Südseite, wo noch hinter 163 von 330 Fenstern gearbeitet wurde. Starke Abweichungen ergaben sich dagegen beim Turm der BHF-Bank, jenes Instituts, das die Deutsche Bank seit mehr als zwei Jahren erfolglos zu verkaufen versucht und in dem die Lichter zu weiten Teilen schon ausgegangen waren. In nur 65 von 280 Fenstern war es noch hell, was einer Quote von 23 Prozent entspricht. Bemerkenswert ist, dass trotzdem im zweiten Stockwerk alle 14 Lichter brannten. Wurden da wichtige Verhandlungen geführt oder war nur die Putzkolonne zu Gange?
Absoluter Spitzenreiter der Stichprobe war die Commerzbank. In der Ostseite ihres Turms arbeitete gegen 19.30 Uhr noch hinter 266 von 378 Fenstern jemand. Das entspricht 70 Prozent. Fast drei Viertel aller Commerzbank-Mitarbeiter sind demnach so spät noch da. Vielleicht liegt das daran, dass die Bank gerade in einer schwierigen Lage ist, weil sie bis Mitte 2012 einige Milliarden Euro Kapital zusammenkratzen muss. Für die Banker ist das nicht schön, für die Besucher schon: Je länger in den Banktürmen Licht brennt, umso mehr entfaltet Frankfurt seinen Zauber. Hier der Originalartikel der Süddeutschen Zeitung
Banken und Finanzdienstleister haben es momentan sicherlich nicht leicht. Die Reputation ihrer Branche ist allgemein beschädigt. Sie gelten u.a. als Auslöser der Finanzkrise vor drei Jahren und auch in der aktuellen Euro-Krise geben sie keine allzu gute Figur ab. Doch Mitleid haben muss man nicht, wer Gewinne privatisiert und Verluste verstaatlicht, der handelt insbesondere im ökonomischen und sozialen Sinn nicht nachhaltig.